Kontakt / Impressum   
Logo nordvier fussball

aktuelles Heft

Ausgabe 21Unsere November-Ausgabe 21 ist  erschienen!

"Glotze an, Stadion aus!" Wie ist der Stand bei der Initiative für vollere Stadien unterhalb der Profiligen?    » mehr

Tipps

FC Bremerhaven

1899 + 1901 = 2013

Auch vor der Seestadt Bremerhaven macht der Reformdruck nicht halt. Geht es nach den Plänen der Vereinsverantwortlichen, werden der FC und der SC Sparta fusionieren. Bereits 2013 sollen die Mitgliederversammlungen der beiden Traditionsvereine – der SC Sparta wurde 1901 gegründet, der FCB sogar schon 1899 – dem Zusammenschluss mit ihrem Votum ihren Segen geben.

Schon zur kommenden Saison wollen die beiden Nachbarn, deren Geschichte miteinander verwoben ist wie das kaum zweier weiterer Vereine Bremerhavens, gemeinsame Spielgemeinschaften ins Rennen schicken. Die bisherige Erste Herren der Seelöwen wird voraussichtlich unter dem Namen SG FC/Sparta in der Oberliga antreten. Den Unterbau bildet fortan die Erste Mannschaft des SC Sparta in der Landesliga. Das Team von Trainer Wolfgang Otto hat sich die Meisterschaft in der Bezirksliga Bremerhaven ungeschlagen und bei nur vier Unentschieden gesichert – das letzte Heimspiel ging allerdings kampflos an die Leher, denn der Drittplatzierte TSV Imsum trat nicht an. Dazu bringt der SC Sparta aktuell eine Damen- und 13 Jugendmannschaften sowie neun Herrenteams mit in die Spielgemeinschaft. Die Seelöwen sind im Vergleich dazu sehr schwach auf der Brust; man hat außer der Oberligatruppe lediglich die kriselnde Zwoote und eine B-Jugend als Mitgift anzubieten.

Die jetzt zwischen den beiden Vereinsvorsitzenden Ralf Holz (Sparta) und Bernd Günther (FCB) erfolgte Einigung zieht einen Schlussstrich unter Jahre hässlicher Grabenkämpfe. Gute Nachbarn waren die Vereine, die sich die Sportanlage an der Pestalozzistraße teilen (müssen), zuletzt selten – dazu waren die Ausrichtungen der Klubs vielleicht auch zu unterschiedlich. Während der SC Sparta mit insgesamt 23 gemeldeten Mannschaften in der Breite hervorragend aufgestellt ist und keine großen Ambitionen zeigt, das gemütliche Bremer Verbandsgebiet zu verlassen, sah sich der FC Bremerhaven als gefühlter Nachfolger des ehemaligen Renommiervereins TuS Bremerhaven 93 stets verpflichtet, mit seiner Ersten Herren möglichst hohe Spielklassen zu erreichen – in den vergangenen Spielzeiten erfolgte diese Fokussierung allerdings auf Kosten des Unterbaus. 2009/10 hatten die Seelöwen nicht einmal mehr eine zweite Herrenmannschaft, zur Folgesaison stellte das Trainerteam Cüneyt Gülkan / Till Becker mit geringster Vereinsunterstützung einen Kader zusammen, der die Saison in der Kreisliga dann allerdings ohne große Aufregung erfolgreich absolvierte. Die aktuelle Reserve der Seelöwen hat mit dieser Mannschaft allerdings kaum noch Ähnlichkeit – nachdem Gülkan und Becker beide ankündigten, die Mannschaft in der Folgesaison nicht mehr zu trainieren, löste sich das Team zum größten Teil auf. Trotz der Aussicht, zukünftig in der Bezirksliga zu spielen. Die heutige Zwoote steht in der Bezirksliga zwar auf dem siebten Rang im gesicherten Mittelfeld, das Team fiel zuletzt aber immer häufiger durch Disziplinlosigkeiten auf, bei einem der letzten Spiele soll Trainer Hüseyin Cokluk die Mannschaft zum Ende der Halbzeit sogar mit „stellt Euch auf, wie ihr wollt“ zurück auf den Platz geschickt haben. Aufgrund der schlechten Stimmung in der Mannschaft hatten im Verlauf der Saison bereits mehrere Spieler das Team verlassen. Im Kooperationsplan scheint für diese Mannschaft aber eh kein Platz mehr zu sein, das Team soll aufgelöst werden.

Zugespitzt hatte sich das angespannte Verhältnis der beiden Leher Vereine spätestens Ende 2008, als der FCB-Präsident den Pachtvertrag des Vereinsgebäudes mit der Stadt einseitig und ohne Absprache mit anderen Vorstandsmitgliedern kündigte. Sparta griff zu und übernahm das Objekt, das deutlich moderner und größer war als die bisherigen Räumlichkeiten des Vereins. Der FCB war plötzlich heimatlos, fand sich quasi über Nacht wieder in der Position eines Bittstellers. Bereits vorher hatte die Stadt Bremerhaven die Pflege und Verwaltung der Plätze ausschließlich dem SC Sparta übertragen – der FC Bremerhaven hatte seine diesbezüglichen Pflichten schon längere Zeit nicht mehr erfüllt. Der Niedergang schien besiegelt, viele Ehrenamtliche und Aktive verließen den Klub. Zeitweise meldete der FCB lediglich eine Mannschaft – die Erste Herren in der Bremenliga. Zu wenig Unterbau für diese Spielklasse, fand Ende 2009 der Bremer Fußballverband, und nahm einen Passus in seine Spielordnung auf, nach der Bremenligisten zwingend mindestens drei Mannschaften zu melden hätten. Dieser Anforderung kam der Verein in der Folgesaison mit viel Mühe nach.

Der SC Sparta hatte an der Pestalozzistraße also das Kommando übernommen und deichselte fortan alles, was mit Platz- und Kabinenbelegung zu tun hatte. Beim FCB beschwerte man sich schnell über ungünstige / zu seltene Trainingszeiten oder auch zu kleine Umkleideräume. Allerdings ging der SC Sparta hier doch recht stringent vor – was zählte, war die Höhe der Spielklasse, und da hatte 10/11 besonders die Zweite Mannschaft des FCB oft das Nachsehen, denn als Kreisligist spielte man in der tiefsten Liga. Trotzdem: Der SC Sparta ließ den gestrauchelten Nachbarn gern spüren, dass er nicht mehr der Herr im Hause ist.

Dass es trotz aller Reibungspunkte zu einem neuerlichen Anlauf für eine Fusion kommen konnte, ist wohl hauptsächlich der Amtsmüdigkeit Günthers geschuldet. Der Kaufmann lebt und arbeitet in Hamburg, hat das Rentenalter längst erreicht. Seit mindestens 1959 (mit Pausen) steht Günther dem FC Bremerhaven – der zwischenzeitlich VfB Lehe hieß - in Funktionärspositionen zur Verfügung. Seinem Engagement verdankte der Klub den zwischenzeitlichen Höhenflug bis in die Regionalliga Nord, die damalige dritthöchste Liga. Günther hatte mehrfach angekündigt, sich zurückziehen zu wollen – es scheint, als meine er es jetzt ernst. Der Verein ist finanziell gesund, sagt Günther. Diese finanzielle Gesundung wiederum war für Spartas Vorsitzenden Holz zwingende Voraussetzung, um mit dem Nachbarn über Kooperationen oder sogar eine Fusion zu sprechen. Dass es jetzt zu diesem Zusammenschluss kommt, wirkt also folgerichtig.

Gleichwohl schmeckt die Fusion mehr nach einer Übernahme als nach einer Kooperation auf Augenhöhe. Denn Sparta bringt ungleich mehr ein in die Beziehung als die Seelöwen. Nicht nur deutlich mehr Mannschaften, sondern vor allem eine gesunde Vereinsstruktur sowie gute, freundliche Kontakte zur Stadt Bremerhaven und zum Bremer Fußballverband. Davon konnte man beim FCB in den letzten Jahren nur träumen.

In den neuen, gemeinsamen Vorstand wollte der FCB seinen jetzigen zweiten Vorsitzenden Mehmet Dogan schicken. Nach nordvier-Informationen wird der Sozialpädagoge sich dafür allerdings nicht zur Verfügung stellen. Wer den Job des „Fusionsbeauftragten“ an seiner Stelle übernimmt, ist zur Stunde nicht bekannt, denn Günther hat es in den vergangenen Jahren versäumt einen „Kronprinzen“ aufzubauen. Stattdessen gab es immer wieder Reibereien mit anderen Funktionären, die den Verein in der Folge regelmäßig verließen. Einer steht aber noch auf der Liste: Der Architekt Ingo Ricklefs stieg zur vergangenen Saison ein und bemühte sich um die Strukturierung des Gesamtvereins. Allerdings lebt Ricklefs mittlerweile im Lankreis Nienburg und arbeitet noch dazu in Hannover. Unwahrscheinlich also, dass der 31-Jährige diese Funktion wird übernehmen können. Auch auf der sportlichen Seite sieht alles nach einem erneuten starken Aderlass aus: Verdiente, langjährige Akteure wie Dennis Ewert oder Nehat Shalaj haben ihren Abschied angekündigt und schließen sich voraussichtlich dem FC Oberneuland an. Der letztjährige Spielertrainer Tarek Chaaban beendet nach acht Jahren beim FCB sogar seine Karriere – mit 32 Jahren. Auch er ließ verlauten, dass er für eine Spielgemeinschaft mit dem SC Sparta nicht zur Verfügung stehe.

Worauf die Seelöwen bereits seit Bekanntwerden der Fusionspläne verzichten müssen, sind ihre Anhänger. Der Fanclub „Sturmflut“, der dem Verein seit vielen Jahren die Treue hielt, stellte seinen Support umgehend ein. Man fühle sich verraten und verkauft, erklärte ein Fanclubmitglied. Und: Für Sparta sänge man nicht.

Die Fusion wird dieses Mal kommen, davon darf man wohl ausgehen. Denn anders als bei den vorherigen Anläufen ist sie jetzt nicht nur von allen Handelnden gewollt, sondern seit der augenscheinlichen finanziellen Gesundung der Seelöwen auch formal möglich - einem Zusammenschluss mit einem verschuldeten FCB hätte die Mitgliederversammlung des SC Sparta nicht zugestimmt. Anders sieht die Situation bei den Seelöwen aus. Nach einem „Ausmisten von Karteileichen“, wie es Dogan einst nannte, hat der Verein ohnehin kaum noch Mitglieder. Lediglich die aktiven Fußballer werden noch geführt. Wenn im Jahr 2013 über den Zusammenschluss von Sparta und FCB abgestimmt wird, werden die kritischen Stimmen unter ihnen den Verein bereits verlassen haben. Ein negatives Votum ist unwahrscheinlich.   Justus-Alexander Plessing  01.06.2012 / Heft Nummer 19
 

Kommentar
 
Eine Fusion zweier Traditionsvereine ist immer eine traurige Sache. Nur selten schaffen es die Beteiligten, die Traditionen und die Seelen beider Vereine „herüber zu retten“. Positive Beispiele fallen uns da kaum ein, negative dafür umso mehr. Oft wird die Geschichte der Vereine auch als Ballast angesehen, man will etwas Neues, Erfolgreiches aufbauen und sich nicht mit Vergangenem belasten. Verständlich vielleicht, aber auf jeden Fall bedauerlich. Denn es ist gerade die Tradition, die in einer schwierigen Situation für einen Schulterschluss der Identifikation sorgen kann. Beim Traditionsverein fällt es auch manchem Geber und Gönner einfacher, die Schatulle zu öffnen als beim noch unbekannten, nicht etablierten Fusionsverein.

Oft bleibt den sich zusammenschließenden Vereinen gar keine andere Wahl, als die Fusion zu versuchen. Sponsoren sind lokal oft schwer aufzutreiben, die Anzahl der zu meldenden Mannschaften schrumpft aus verschiedensten Gründen. So bleibt mittlerweile vielerorts der Nachwuchs weg, manchmal können ganze Jahrgänge nicht gemeldet werden. In Bremerhaven kommt erschwerend hinzu, dass mit dem OSC und der Leher TS zwei Vereine an den Start gehen, die Jugendmannschaften geradezu sammeln und im älteren Jugendbereich ab der C-Jugend aufwärts sogar in einem Jugendförderverein miteinander kooperieren. Sportlich ist diese Zusammenarbeit bisher nicht sonderlich erfolgreich, denn die JFV-Teams spielten 2011/12 sämtlich nur auf Verbandsebene. Trotzdem wissen beide Vereine junge Menschen zu motivieren. So hatte der OSC in der abgelaufenen Saison zum Beispiel sechs E-Jugend-Teams gemeldet. Vielen anderen Vereinen der Seestadt fehlt diese Altersklasse dagegen komplett. Und das gilt mittlerweile für viele Jahrgänge, weswegen der Zwang zu Kooperationen dort immer offensichtlicher wird.

Im Fall des SC Sparta Bremerhaven ist erst einmal kein solcher Zwang zu entdecken. Der Klub ist gesund, breit aufgestellt, verfügt über genügend Mannschaften und ein intaktes Vereinsleben. Die Aufsicht über die Plätze hat man mittlerweile alleinig, das Vereinsheim ebenso. Warum sollten die Spartaner zukünftig mit dem ungeliebten Nachbarn kooperieren?

Aus zwei Gründen: einerseits ist es einfacher und sinnvoller, einen geringfügig größeren Verein zu organisieren als zwei separate. Denn so viel Mehraufwand wird ein gemeinsamer Klub nicht bedeuten, im Gegenteil werden Ressourcen frei für andere Aufgaben. Die Konkurrenz entfällt, die Kräfte in Lehe können gebündelt werden. Außerdem würde Sparta quasi über Nacht um zwei Ligen aufsteigen – aus der Bezirks- in die Bremenliga. Die Fahrtstrecken sind die gleichen wie in der Landesliga, denn beide Spielklassen sind Landesbremer Ligen; die Gegner kommen aus Bremen-Stadt, Bremen-Nord und Bremerhaven.

Für den FCB sieht die Sache da schon anders aus. Der Verein ist eigentlich tot. Lediglich Bernd Günther hält die Seelöwen noch über Wasser – sobald sich der Kaufmann zurückzieht, hinterlässt er einen lebensunfähigen Hochglanzmantel ohne Innenleben. Dieses Innenleben stellt nun der SC Sparta. Folgerichtig. Und für den FCB alternativlos.

Der FCB muss, Sparta kann – die Fusion wird also gelingen, zu Spartas Bedingungen. Dass die Fans nicht mitziehen werden, ist da verständlich. Für sie ist der Verein eine Herzensangelegenheit, etwas äußerst Emotionales. Vielleicht wird der eine oder andere mit der Zeit zurückkommen an die Pestalozzistraße und bei den Spielen mit dem neuen, wohl als FC Sparta auflaufenden Verein mitfiebern. Gleichwohl: dieser neue Verein wird ganz viel Sparta und kaum FC beinhalten. Das ist der aktuellen Situation geschuldet. Zu einem früheren Zeitpunkt hätten die Seelöwen dem neuen Konstrukt mehr von sich selbst mit auf den Weg geben können. Diese Chance wurde aber mehrfach versäumt.

Eine Randnotiz: als Sparta 1901 gegründet wurde, firmierte der Klub als FC Sparta. Für die Rot-Weißen geht es also ein Stück weit zurück zu den eigenen Wurzeln. Das mag diejenigen versöhnen, die dieser Fusion kritisch gegenüber stehen.

« zurück
  © 2017 nordvier.de | Alle Rechte vorbehalten.