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BSV Kickers Emden

Die Schockstarre abgestreift

„Wenn mir jemand am Anfang der Saison erzählt hätte, dass wir nach 24 Spielen schon 40 Punkte hätten und uns auf direktem Weg zur Qualifikation zur eingleisigen Oberliga befänden, den hätte ich für verrückt erklärt.“ Was Kickers-Trainer Johann Lünemann nach dem 3:1-Erfolg über Eintracht Nordhorn Anfang Mai gelöst lächelnd zu Protokoll gab, würde der Großteil der Emder Fans sicherlich sofort unterschreiben. Es ist weniger als ein Jahr her, dass ihr Verein bekannt gab, sich aus der Dritten Liga zurückzuziehen und stattdessen zwei Klassen tiefer, in der Weststaffel der Oberliga Niedersachen, anzutreten. Der BSV war gerade NFV-Pokalsieger geworden, hatte lange Zeit einen Aufstiegsplatz zur Zweiten Bundesliga belegt. Warum dieser Schritt?

Nein, überrascht sein von diesem Schritt konnte nur sein, der sich mit dem Club bisher eher oberflächlich auseinandergesetzt hatte. Denn die Lizensierungsauflagen des DFB haben dem Verein aus dem strukturschwachen und sponsorenarmen Ostfriesland schon länger zu schaffen gemacht. Ein Stadion mit 10.000 Zuschauerplätzen sollte am Dollart entstehen – darauf bestand man in Frankfurt, auch wenn Kickers Emden in seinen Ligaspielen regelmäßig vielleicht ein Viertel davon begrüßen durfte. Mehrere Anläufe des damaligen Präsidiums um Engelbert Schmidt, mit Hilfe von Stadt und regionalen Sponsoren eine Art Ostfriesland-Arena aus dem Boden zu stampfen, scheiterten. Eine erneute Ausnahme, diese Signale des DFB waren klar lesbar, würde es nicht geben, die Lizenz hätte der BSV nicht bekommen. Kickers trat die Flucht nach hinten an – und zog sich zwei Klassen zurück.
Und doch, die Stadiontragödie ist nur oberflächlich betrachtet der Hauptgrund für den freiwilligen Abgang der Deichkicker. Denn längst galt es als offenes Geheimnis, dass sich der Club die bundesweite Dritte Liga schon längst nicht mehr leisten konnte. Und wirklich, kurz nach dem Rückzug gab Schmidt bekannt, dass den BSV Verbindlichkeiten in Höhe von etwa 600.000 Euro drücken würden. Gelder, die schwerlich innerhalb der vergangenen Monate seit Beginn der Bankenkrise angefallen sein dürften, auch wenn zwei Großsponsoren der Emder in direkter Folge in Existenzprobleme geraten sind.
Immer lauter wurden die Fragen nach dem Ursprung der Probleme. Präsident Schmidt überstand diese Phase nicht und trat unter dem Jubel der Anhänger zurück. An seiner Stelle soll der Rechtsanwalt Günter Schmaler seitdem für einen klaren Spar- und Konsolidierungskurs sorgen.

Die ersten Erfolge darf sich Schmaler bereits zurechnen lassen. Eine durchaus mögliche Insolvenz konnte abgewendet werden, dazu hat der Verein eine externe Kommunikations- und Marketingagentur, „Henne und Ei“, beauftragt, sich professionell um die Vermarktungsmöglichkeiten des Clubs und eine bessere Außendarstellung zu kümmern. Seitdem wirkt es, als habe der Verein die Schockstarre, die ihn seit dem Drittliga-Verzicht gefesselt hatte, abgestriffen. Eine allgemeine Aufbruchstimmung ist überall zu verspüren – auch wegen einiger origineller Ideen, die „Henne und Ei“ mittlerweile umgesetzt haben. So werden die Fans zum Beispiel seit einigen Wochen dazu aufgefordert, für den Kickers-Nachwuchs zu spenden, indem sie die Pfandbecher nicht an der Getränkebude abgeben, sondern in spezielle Behälter werfen, die der Osnabrücker Hersteller von Abfalltrennsystemen Gemos GmbH gespendet hat.

Der Verein arbeitet hart daran, verspielten Kredit zurückzugewinnen. Dass das nicht leicht wird, das weiß das Team um Präsident Schmaler. Dabei ist es nicht einmal der Rückzug selbst, der Publikum und Sponsoren gleichermaßen enttäuscht hat. „Wir wurden lange Zeit angelogen“, erzählt ein langjähriger Fan, der zwar erzählen, aber nicht namentlich genannt werden möchte. Man hätte mit offenen Karten spielen können, denn niemand in Emden hätte die Dritte Liga als Selbstverständlichkeit angesehen. „Dass das viel Geld kostet, kann sich doch jeder denken.“ Übel nähme man dem ehemaligen Vorstand das lange Hinhalten. „Es wurde immer so getan, als ginge es nur ums Stadion, und das wäre nur eine Frage der Zeit, bis es gebaut sei.“ Heute wisse er, dass das nur Luftschlösser gewesen seien. Allerdings: „Aus Kickers kann wieder etwas werden. Aber dann muss ganz Ostfriesland mitziehen und den Verein unterstützen.“

Bis es soweit ist, wartet noch viel Arbeit auf Schmaler und die Marketing-Fachleute. Der Grundstein aber ist bereits gelegt.     André Utkiek  14.05.2010 / Heft Nummer 15

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