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VfR Neumünster

Hipp hipp hurra, Neumünstria!

„Hipp hipp hurra, Neumünstria!“ Auch nordvier hat (mindestens) schon einmal den Klassiker des lila-weißen Liedguts aus seiner Schatzkammer mit den vielen schönen Platten geholt. Kein Wunder, ist dieser Song doch immer wieder aktuell; so auch anno 2012. Denn der VfR Neumünster, im Volksmund und von seinen Fans gerne „die Veilchen“ genannt, ist wieder da. Nach vier vergeblichen Anläufen mit drei Mal Platz 2 und einem Titelgewinn in Schleswig-Holsteins höchster Kickerklasse wurde der jüngste Coup endlich mit der Rückkehr auf die höchste Amateurfußballebene unserer schönen Republik belohnt. Noch einmal wurden die Rasensportler Landesmeister, und diesmal verhinderte die latent angespannte Finanzlage den Sprung in die Regionalliga Nord nicht. Dies war gewiss auch den gelockerten Auflagen seitens des DFB beziehungsweise NFV zu verdanken, bereits im ersten Anlauf bekam Neumünster vor wenigen Wochen die Lizenz zugeteilt.

Zwei Insolvenzen in der jüngeren Vergangenheit, in den Jahren 2005 und 2007, haben die Lila-Weißen überlebt – im wahrsten Sinne des Wortes. Nun richten sich die Blicke stramm nach vorn; alleine schon deswegen, weil der VfR erstmals seit der Saison 1964/65 wieder mit den „großen Brüdern“ Holstein Kiel und VfB Lübeck gemeinsam in einer Klasse antreten wird. In den vergangenen 57 Jahren hatte mindestens einer der beiden alten Landesrivalen mindestens eine Klasse höher gespielt, sowohl die Landeshaupt- als auch die Marzipanstädter waren zwischenzeitlich sogar Zweitligist.
In Neumünster hat spätestens Mitte März dieses Jahres ein frischer Wind für mächtig Auftrieb an der Geerdtsstraße gesorgt. Unter der Führung des neuen 1. Vorsitzenden Detlef Klusemann (48) wurden auf der von rund der Hälfte aller Vereinsangehörigen besuchten Jahreshauptversammlung des nur gut 200 Mitglieder „starken“ Traditionsclubs sämtliche Vorstandsposten besetzt – so etwas hatte es bei den Rasensportlern schon ganz lange nicht mehr gegeben. Klusemann und Co. folgten auf den Big Boss Herbert Sander, um den es zuletzt einsam geworden war. Einzig dessen als Schatzmeisterin fungierende Ehefrau Elke sowie der treu zur Seite stehende 3. Vorsitzende Hans-Otto Bracker waren noch übrig geblieben. Mehr als einmal hatte man als neutraler Beobachter zuletzt das Gefühl, der Verein habe sich beim Versuch, sich an die Decke zu strecken, schon längst eine ganz üble Zerrung geholt. Kaum jemand wollte mit Sander zusammenarbeiten, was allerdings auch daran lag, dass Sander mit kaum jemandem zusammenarbeiten wollte. Die Quittung bekam der 84-Jährige auf dem Silbertablett serviert: Auf der Jahreshauptversammlung wurde die Entlastung seines Mini-Vorstandes auf die nächste Tagung mutmaßlich im September oder Oktober dieses Jahres verschoben, auch die von Herbert Sander erhoffte und in den Wochen zuvor immer wieder von ihm selbst (!) kolportierte Ernennung zum Ehrenvorsitzenden war kein Thema – eine Kröte, an der der Boostedter noch Monate später zu schlucken hat(te).
Klusemann war so clever, sich ein Team zusammenzustellen, dessen Verbindungen, Verdienste und Kompetenzen bedenkenlos als „absolut regionalligatauglich“ eingestuft werden dürfen. Der Kaufmann Gerd Grümmer etwa, der sich bereits Anfang 2011 die Namensrechte am altehrwürdigen Stadion an der Geerdtsstraße zwischen Tierpark und Reiterverein gesichert hatte, fungiert nun als 2. Vorsitzender. Als Eventmanager genießt er einen guten Ruf in Mittelholstein, als Edeka-Mogul sowieso. Dahinter, vielmehr daneben fungieren integre Leute, beispielsweise der eloquente frühere VfR-Ligaspieler Torsten Peetz, der renommierte Anwalt Stefan Lehmann oder der clevere Banker Matthias Lau. Sie sollen dafür sorgen, dass nun wieder Träume wahr werden, dass sich die Rasensportler aus der alten Lederstadt schnell in der Regionalliga etablieren.

Den seit Menschengedenken größten Traum in Lila-Weiß haben aber auch Klusemanns Leute immer noch in der Schublade liegen. Zugegeben, die Pläne für die Errichtung einer überdachten Sitzplatztribüne liegen ganz oben. Doch so ganz mag man nicht glauben, dass die in der örtlichen Presse erstmals 1955 (!) – nach dem Aufstieg in die damals erstklassige Oberliga Nord, in der sich Neumünster bis zur Einführung der eingleisigen 1. Bundesliga acht Jahre lang behauptete – erwähnten Gedankenspiele rund um den Bau eines Schmuckstücks nun endlich realisiert werden. Hoffnung verleiht den Fans ausgerechnet die Zwickmühle, in der sich die Klusemänner befinden. Schließlich müssen, so die vielleicht härteste Lizenzauflage, die Stehränge eingezäunt werden. Und genau davon hat das knapp 10.000 Zuschauer fassende Areal in Neumünster eine ganze Menge, nämlich knapp 10.000 … Eingezäunt ist bislang nur die Kurve mit dem Gästebereich, der Rest ist nackt. „Wir sollten Sitzplätze errichten“, sinnierte Klusemann in diesem Zusammenhang mehr als einmal und sprach dabei mindestens zwei Mal auch vom berühmten „Rechenbeispiel“. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe glühten die im Mathe-Unterricht bewährten TI-30 von Texas Instruments beim VfR wie weiland die Kohlen bei Herbert Sanders heftigster Grillparty. Ernsthaft: Der Bau von (zunächst unüberdachten) Sitzplätzen ist mehr als eine Alternative zur Einfriedigung der Geraden. Er dürfte kaum mehr Kosten verschlingen als die metallenen Gitter, die dem Stadion vielleicht auch noch das letzte vorhandene Promille Attraktivität rauben würde. Man darf wirklich gespannt sein, ob der Traum auf ewig ein unerfüllter bleiben wird …
In sportlicher Hinsicht läuft es bei den „Veilchen“ gut. In fünf Jahren Verbands- beziehungsweise Schleswig-Holstein-Liga sammelte der VfR sage und schreibe 390 Punkte, zusehends wurde beim Team von Trainer Ervin Lamce eine spieltaktische Weiterentwicklung deutlich. Nun dürfen sich die lila-weißen Helden eine Klasse höher beweisen; nicht nur gegen Kiel und Lübeck, auch (wieder) gegen die Zweitvertretungen der Proficlubs und alte Weggefährten wie den BV Cloppenburg, SV Meppen oder VfB Oldenburg. Neumünster setzt dabei auf bewährte Leistungsträger, die nahezu allesamt ihre Verträge bis 2014 verlängert haben. Auf alternde oder gar abgehalfterte Stars wird verzichtet, allerdings bringt der jüngst vom Abstellgleis namens Stahl Riesa geholte Torwart Marcus Hesse (28) die Erfahrung aus zwei Erstligaeinsätze 2006/07 für Alemannia Aachen mit. Die restlichen fünf Neuzugänge passen da schon eher in Lamces Beuteschema: Spieler zwischen 21 und 23. Und so ist Mittelfeldmann Christian Rave (23, SV Eichede) der älteste der bislang verpflichteten Feldspieler. Hinzu gesellen sich die auf den Außenbahnen beheimateten Yannik Jakubowski (21, Holstein Kiel), Patrick Nagel (21, SV Todesfelde) und Jan-Uwe Prüßmann (22, NTSV Strand 08) sowie Angreifer Milos Ljubisavljevic (21, FC Eintracht Norderstedt).
Gemeinsam mit den arrivierten Kräften, wie den Haupttorschützen 2011/12, Abdul Yilmaz (16 Treffer, darunter elf per Elfmeter), Patrick Fürst und Marinko Ruzic (je 15), sollen die „Neuen“ dafür sorgen, dass Neumünster in der Regionalliga lautstark mitorgelt – und dass im Schnitt wieder deutlich mehr Zuschauer in die Grümmi-Arena pilgern als zuletzt (334). Hört sich doch auch viel besser an, wenn nicht nur drei-, sondern neunhundert Kehlen intonieren: „Hipp hipp hurra, Neumünstria!“     Hansi Saarup  01.06.2012 / Heft Nummer 19

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