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FC Bergedorf 85

Marienhof in Bergedorf

Es gibt Fußballvereine, die neben dem Platz kaum für Schlagzeilen sorgen. Wie zum Beispiel der SC Freiburg oder Mainz 05. Da ist die Fußballwelt vielleicht noch ein Stück mehr in Ordnung als anderswo. Und es gibt die Vereine, bei denen irgendwie immer was los ist, ob positiv oder negativ. Vertreter dieser Spezies sind Schalke 04, der 1. FC Köln oder .... Bergedorf 85.
Was die „Elstern“ in den letzten Jahrzehnten an Schlagzeilen produziert haben, reicht für ein ganzes Kicker-Sonderheft. Keine Saison vergeht, ohne dass zumindest eine halbe Wasserstandsmeldung abgegeben wird, ein potentieller großer Sponsor vorgestellt wird oder vage Aufstiegsambitionen gestrickt werden. Die letzten Spielzeiten könnten dem Regisseur von Marienhof als Vorlage für eine neue Staffel dienen. Denn genauso wie bei einer Telenovela ist auch bei Bergedorf 85 alles drin, von himmelhoch-jauchzend bis tief betrübt. Und das vor allem abseits des grünen Rasens. Die gerade abgelaufene Saison setzt der „Elstern-Telenovela“ allerdings vorläufig die Krone auf. Und zwar in vier Akten.

1. Akt: Der „Mienert-Wahnsinn“

Im Sommer 2011 verlässt Kulttrainer Manfred „Manni“ Nitschke die Elstern in Richtung „wohlverdienten Fußballruhestand“. Über zehn Jahre lang war der Ex-LSKler bei Bergedorf 85 tätig, erst als Co-Trainer, dann als Manager und zuletzt drei Spielzeiten als liebenswürdiger und erfolgreicher Chefcoach (3. Platz 2009, 8., 7.). Fast hätte es 2009 sogar für die Regionalliga gereicht.
Als Nachfolger präsentiert das ebenfalls neue Management Friedhelm Mienert. Mienert kommt von der LSK A-Jugend, ist aber vereinsintern umstritten. Mit Mienert und den neuen Leuten drumherum soll frischer Schwung an die Sander Tannen kommen (genau an die Sander Tannen, die seit zwei Jahren offiziell den wohlklingenden Namen „Langnese Happiness Stadion Sander Tannen“ tragen). Das vorsichtige Ziel: Regionalliga. Und in der Tat weht ein neuer Wind. Allerdings nicht so wie erhofft. Der Saisonstart geht komplett in die Hose, und Mienert wird zum gnadenlosen Selbstdarsteller. Lorant, Möhlmann und Co. sind nichts gegen die „Mienert‘sche Coachingzonen-Show“. Da wird mit Plastikstühlen geworfen, wild rumgestikuliert ... ein Schauspiel für sich, was zumindest einige Fans mehr an die Sander Tannen lockt. Aber das war’s dann auch schon. Tief im Tabellenkeller kritisiert Mienert öffentlich einige Leistungsträger, die prompt damit drohen, den Verein zu verlassen. 85 spielt lustlos oder – angestachelt von der Seitenlinie – überhart. Zum Glück kann im letzten Moment die Reißleine gezogen werden. Nach nur einem Sieg aus den ersten vier Spielen muss Mienert seine Sachen packen, die Spieler bleiben.

2. Akt: Eine fulminante Aufholjagd

Auf Rang 16 übernimmt Manager Bülent Tinas als Interimscoach. Und siehe da, es läuft besser. Die Elstern holen zwei Siege am Stück, darunter ein 3:2 gegen Meisterschaftsfavorit Victoria. Aber da lauert schon der nächste Skandal. Vicky-Manager Ronald Lotz legt Protest ein. Drei Elstern-Spieler sollen nicht auf der sogenannten „HFV-Spielberechtigungsliste“ gestanden haben. Der Fall geht vor das Sport- und Verbandsgericht. Allerdings hatten die drei Spieler die volle Spielberechtigung. Und das sei maßgeblich. Nach endlosen Verhandlungen (Victoria hat auch die entsprechenden Mittel dazu), die bis in den November hinein dauern, dürfen die Elstern die Punkte behalten.
 
Auch in Sachen Trainersuche ist 85 erfolgreich. Anfang September wird Olaf Poschmann verpflichtet. Der Ex-Elsternspieler kommt vom Bezirksligist FSV Geesthacht. Und auch wenn es Probleme bei der Vertragsauflösung gibt (Poschmann wurde trotz laufenden Vertrags schon vorgestellt), steht „Poschis“ Engagement unter einem guten Stern. Gleich bei seinem ersten offiziellen Einsatz an der Linie gewinnt 85 das Lokalderby gegen Curslack mit 2:1. Eine Woche später gibt’s zwar das böse Erwachen, am Sonntagmorgen, auf dem Grandplatz des USC Paloma (0:1), doch diese Niederlage sollte für lange Zeit die letzte sein. Unglaubliche 14 Spiele in Folge bleiben die Elstern ungeschlagen und fliegen Mitte Februar sogar an die Tabellenspitze. Spieler, die unter Mienert fast rausgeflogen wären, blühten unter „Poschi“ richtig auf. Besonders Kapitän Sascha de la Cuesta haut voll rein und mausert sich zu einem der Topspieler der Oberliga. Ein Höhepunkt der fulminanten Aufholjagd: Das 2:1 zu Hause im Traditionsderby gegen den Altonaer FC 93. Neben dem Platz werden derweil die zwei neuen Kunstrasenplätze in Eigenarbeit mit Flutlicht ausgestattet.

3. Akt: Die Regionalliga-Posse

Nach dem katastrophalen Fehlstart ist das Thema Regionalliga natürlich vom Tisch. Erstmal, denn die unerwartete Aufholjagd unter „Poschi“ lässt natürlich wieder vom Aufstieg träumen. Der 1. Vorsitzende Ronny Wenzel kündigt daher an, das Abenteuer zu wagen. Allerdings nur, wenn die Elstern in der Oberliga unter die ersten zwei kommen. Die Politik signalisiert bereits, dass man im Falle eines Aufstiegs die Sander Tannen auf Vordermann bringen wolle, was auch dringend notwendig gewesen wäre. Seit der Eröffnung im Jahr 1959 scheint die Zeit im Stadion stehen geblieben zu sein.
 
Bis Ende März müssen die Unterlagen für die Regionalliga eingereicht werden. Anfang März läuft es aber sportlich plötzlich nicht mehr rund. Binnen vier Tagen verliert 85 unglücklich zweimal gegen Victoria. Erst muss in der Liga das Ende der eindrucksvollen Serie hingenommen werden (1:2), dann wirft der spätere Pokalsieger Vicky die Elstern aus dem Oddset-Pokal raus (1:3). Und nur zwei Wochen später verliert 85 in einer turbulenten Partie 3:4 beim Lokalrivalen Curslack. Trotzdem sind die Elstern weiterhin Erster. Und alle gehen davon aus, dass es mit der Regionalliga klappt. Umso größer ist die Überraschung, als Bergedorf 85 nicht auf der NFV-Liste für die Regionalliga auftaucht. Einen Tag vor Meldeschluss hat 85 den Rückzieher gemacht. Der Schock sitzt richtig tief, die Skeptiker haben, wie so oft bei 85, wieder mal Recht behalten, die Verantwortlichen schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Später geben sie zu, dass sie das Projekt Regionalliga wohl zu naiv angegangen waren, ohne richtiges Konzept und viel zu spät. Nach 2009 der zweite Rückzieher dieser Art.
 
Hut ab allerdings in dieser Situation vor der Mannschaft. Sie zeigt Größe und gewinnt heldenhaft mit 3:2 bei Verfolger Schnelsen. Kapitän de la Cuesta, eigentlich ein Spieler mit Regionalligaformat, erzielt alle drei Treffer (insgesamt 17 Tore, acht Vorlagen). Und auch die nächste Partie wird, ungeachtet der Querelen drumherum, gewonnen.
Doch an der Tabellenspitze geht’s jetzt richtig eng zu. Kein Wunder, dass 85 nach zwei sieglosen Spielen in Folge den Platz an der Sonne nach zwei Monaten räumen muss – und zwar ausgerechnet für den SC Victoria. Die Elstern rutschen sogar auf Rang 4 ab.

4. Akt: Der HSV und gemischte Gefühle

Allerdings bleibt keine Zeit für Sentimentalitäten. Denn DAS Highlight der Saison steht an. Einen Tag nach dem Bundesligafinale kommt der HSV im Rahmen der 850-Jahr-Feier der Stadt Bergedorf zum Freundschaftskick an die Bille. Seit Monaten wurde dieses Event vorbereitet. Und nicht nur die Kulisse ist an diesem Tag mit 4.500 Fans phänomenal. Auch die Elstern liefern ihre beste Saisonleistung ab und trotzen den lustlosen Bundesligaprofis ein 3:3 ab, inklusive eines verschossenen Elfmeters. An diesem Tag hat man gemerkt, was in Bergedorf in Sachen Fußball so alles möglich ist und wie viel Potential im Verein steckt.
 
Aber der Oberligaalltag hat die Elstern bald wieder. Und eine Woche später gibt’s das böse Erwachen. Trotz tollem Fansupport setzt es ausgerechnet in Altona eine 1:3-Niederlage. Jetzt ist die Meisterschaft endgültig futsch, und sogar der Vizetitel ist in Gefahr. Die Elstern raffen sich noch einmal auf, und dank zweier Siege in den letzten beiden Partien, darunter ein 1:0 in letzter Minute am letzten Spieltag bei Rugenbergen, sichert sich 85 Platz zwei – die beste Platzierung seit dem Abstieg aus der Oberliga Nord 2008.
 
Von einem ruhigen Saisonausklang 2011/12 aber keine Spur. Manager Andreas Hammer legte Mitte Mai überraschend sein Amt nieder. Und plötzlich steht Ronny Wenzel als 1. Vorsitzender ganz alleine da. Die berühmte Gerüchteküche fängt daraufhin tüchtig an zu brodeln. Sogar ein Rückzug in die Landesliga macht die Runde. In buchstäblich letzter Sekunde kann ein neues Management aufgestellt werden. Trotzdem scheint es derzeit so, als ob die Mannschaft auseinanderfällt. Auch, weil der Etat um 30 Prozent gekürzt werden muss. Und auch wenn mit Olaf Poschmann eine 185-prozentige Elster auf der Bank sitzt, müssen ab sofort wohl kleinere Brötchen gebacken werden. Aber das ist auch eine Chance, denn so kann sich der Verein abseits des Platzes endlich mal neu strukturieren.
In Sachen Fans klappt das bereits. Von einem selbst verwalteten Jugendtreff in Bergedorf kommen immer mehr neue Fans zu den Spielen der Elstern. Sie wollen bei 85 eine neue Fankultur schaffen – damit die nächste Staffel „Elstern-Telenovela“ zur Abwechslung mal etwas entspannter verläuft – und dafür mit echtem Happy End!     Jean-Oliver Groddeck (Olli) www.85live.blogspot.com  01.06.2012 / Heft Nummer 19
 

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