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SV Wilhelmshaven

Trotziger SVW aus Schlicktau

Ein kleiner Rückblick auf die Saison des SV Wilhelmshaven. Und der Beweis, dass schlechte Nachrichten – „andere Geschichten“ – eine Mannschaft auch zusammenschweißen und zum Erfolg führen können, auch wenn das ganz große Happy End in dieser kleinen Geschichte ausbleibt.

Drei Gruppen von Mannschaften spielten dieses Jahr in der Regionalliga Nord die Meisterschaft aus. Zur kleinsten Gruppe gehörten die Titelanwärter aus Kiel, Halle, Wolfsburg und Leipzig. Die wohl größte Gruppe bildeten die Mittelfeldteams, für die es um den Titel „Bester des Restes“ gehen sollte. Und schließlich waren da noch jene Mannschaften der Kategorie „ein Glück kann diese Saison niemand absteigen“. Nach acht Spieltagen gehörte der SV Wilhelmshaven eindeutig der letzteren Gruppe an. Nach dem achten Spieltag standen sieben Niederlagen in Folge bei einem Sieg zum Saisonauftakt gegenüber. Der SV Wilhelmshaven war unten angekommen. Tabellenletzter. War die Mannschaft aus der Stadt, die ihre Bürger liebevoll Schlicktau oder Schlicktown nennen, konkurrenzfähig in der Regionalliga Nord? Oder fiel der Umbruch im Sommer zu mager aus? Diese Fragen standen vor dem Spiel gegen Aufsteiger SV Meppen im Raum und wurden plötzlich von einem anderen Ereignis in den Hintergrund gedrängt.

Die taz titelte „Wettmafia in der 4. Liga“ und führte im Untertitel aus: „Spielern des Viertligisten SV Wilhelmshaven soll angeboten worden sein: Geht das Spiel gegen Meppen verloren, gibt es Geld.“ Was war passiert? Vor dem Spiel gegen die Emsländer wandte sich ein ehemaliger Spieler des SVW an seine alten Teamkameraden und soll ihnen Geld geboten haben, wenn sie gegen die Emsländer verlören. SVW-Kapitän Steffen Puttkammer teilte diesen Bestechungsversuch Trainer Christian Neidhart mit, der es umgehend an die Klub-Verantwortlichen weiterleitete. Die Vereinsleitung um den Vorsitzenden Hans Herrnberger beschloss mit „dieser anderen Geschichte“, wie es SVW-Pressesprecher Jörg Schwarz in der taz formulierte, postwendend an die Öffentlichkeit zu gehen. Bei dem verdächtigten Bösewicht handelte es sich um einen Spieler aus der zweiten Mannschaft der Rot-Gelben, dem umgehend gekündigt und ein Stadionverbot erteilt wurde. Der DFB seinerseits sperrte den reuigen Manipulator für zehn Monate bis zum August 2012. Der Imageschaden allerdings war angerichtet. Mit der Reaktion der Mannschaft hingegen dürften nur Berufsoptimisten gerechnet haben. Zwar ging das Spiel gegen den SV Meppen mit 2:5 verloren, aber in den folgenden Partien stellten die Neidhart-Kicker ihre Konkurrenzfähigkeit unter Beweis. Bis zur Winterpause sammelte der SVW noch 15 Punkte ein.
Das Jahr 2012 fing für die Kicker vom Jadebusen jedoch wieder denkbar schlecht an. Mit 2:8 kamen die  Nordlichter gegen den Meisterschaftsfavoriten RB Leipzig am 20. Spieltag unter die Räder. Auch das folgende Spiel gegen die ebenfalls hoch favorisierten Kieler ging mit 1:2 verloren; der letzte Platz war erst einmal zementiert. Und abermals durften die leicht abgewandelten Fragen aus dem Sommer gestellt werden: War es ein Fehler sich auf dem winterlichen Transfermarkt zurückzuhalten? Oder brauchte es wieder nur „eine andere Geschichte“, um in die Erfolgsspur zurückzufinden? Und zumindest die letzte Frage muss ansatzweise mit einem Ja beantwortet werden. In den folgenden drei Spielen sprangen Unentschieden heraus, während im Hintergrund der „Fall Sagarzazu“ gärte.
Auch ein zwischenzeitliches Urteil des internationalen Sportgerichtshof CAS, das den SVW zu einer Strafzahlung von 150.000 Euro verurteilte, konnte die einsetzende Erfolgsserie der Jadestädter nicht mehr ins Straucheln bringen. Sogar der Zwangsabstieg drohte dem Verein, nachdem die UEFA den fünf Jahre alten Fall „Sagarzazu“ erneut aufgerollt hatte. Der Italo-Argentinier Sergio Sagarzazu wechselte im Frühjahr 2007 nach Wilhelmshaven und absolvierte, dem Anschein nach ohne die Freigabe seines Ex-Klubs erhalten zu haben, bis Sommer 2008 insgesamt 38 Spiele für die Küstenkicker. Der DFB verurteilte den SVW schließlich zu einem Abzug von sechs Punkten. Die Mannschaft reagierte, rückte noch enger zusammen und überraschte unter anderem mit einem 2:0-Erfolg über den späteren Meister Hallescher FC.
Maßgeblich am Erfolg beteiligt war Stürmer Francky Sembolo. Der 26-jährige, zweifache kongolesische Nationalspieler wurde erst Ende August 2011 verpflichtet und erzielte in  27 Partien satte 19 Tore für die Marinestädter. Damit ist Sembolo der zweiterfolgreichste Ligaschütze hinter dem Leipziger Daniel Frahn (26 Treffer). Nach Anlaufschwierigkeiten in der Hinrunde legte der ehemals für Holstein Kiel und den FC Oberneuland kickende Stürmer eine schier unglaubliche Serie hin: Er traf in jedem der ersten zehn Spiele 2012 für die Rot-Gelben!

Ein weiterer „Vater des momentanen Erfolges“ ist SVW-Trainer Christian Neidhart (Foto oben rechts), der im Sommer 2011 vom Co- zum Cheftrainer aufstieg und mit dem der Verein frühzeitig Ende März bis zum 30. Juni 2013 verlängerte. Darüber hinaus wird der 43-Jährige den Posten des Managers beim SV Wilhelmshaven übernehmen. So ganz ohne Querelen ging aber auch diese Verlängerung nicht vonstatten. „Im Mai stehe ich nicht mehr zur Verfügung“, sagte eine Woche vor der Verlängerung ein aufgebrachter Neidhart gegenüber der Wilhelmshavener Zeitung. Der Coach kritisierte vor allem die lahmende Personalpolitik der Jadestädter. Nach dieser „anderen Geschichte“ folgte übrigens der 2:0-Erfolg über den späteren Meister Hallescher FC ...

Zusammen mit den Liga-Konkurrenten TSV Havelse und SV Meppen ging es für den SV Wilhelmshaven in dieser Saison vor allem um einen Titel, den des niedersächsischen Verbandspokals. Als klassenhöchste Vertreter war dieses Trio auch für den Pokal favorisiert. Während der SV Meppen jedoch bereits in der ersten Pokalrunde beim VfB Oldenburg die Segel streichen musste, siegten sich der TSV und der SWV bis ins Pokalfinale, das im heimischen Jadestadion ausgetragen werden sollte. Nach 18. Minuten schien die Partie auch nach Plan für die Gastgeber zu verlaufen. Vor einer tollen Kulisse von 1.500 Zuschauern waren sie durch Bartosz Broniszewski mit 1:0 in Front gegangen. Und bis zur 40. Minute schien es auch so, als sollte der Pott nach Schlicktown gehen. Doch sollte es bekanntlich nicht zum Happy End kommen. Die Gäste aus Garbsen glichen fünf Minuten vor dem Pausentee aus und gingen ebenfalls fünf Minuten vor dem Abpfiff ihrerseits in Führung, die sie nicht mehr abgeben sollten. So blieb es für die Trotzigen aus Schlicktau bei einer formidablen Rückrunde, der mit dem Einzug in die 1. DFB-Pokalhauptrunde gekrönt wurde.    Thorsten Schmidt  01.06.2012 / Heft Nummer 19

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